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Bürokratie in Deutschland
01.04.2010 Deutsche Bürokratie: Muss Heidi sterben?
Fast ein Jahr lang ging das so. Jeden Morgen wenn ich das Fenster öffnete glotzten sie mich an und gaben ein lautes "Mmmuhh" von sich. Der Spruch "alte Kuh" bekam eine ganz andere Bedeutung für mich. Denn Kuh "Heidi" ist schon 19 Jahre alt! Neben ihr stand dabei Kälbchen "Bully". Das "Bully" nun tatsächlich ein Kind von "Heidi" ist, kann ich kaum glauben. Kann eine 19 Jahre alte Kuh noch kalben? Nun denn. Zwei Frauen hatten Heidi und Bully gekauft um sie angeblich als "Tierfreunde" vor dem Schlachthof zu retten und auf die Wiese hinter unserem Haus gestellt. "Heidi" hatte kaum noch Fell. Wie der Lauf der Dinge nun mal ist kam dann irgendwann der Winter. Es wurde kalt. Sehr kalt. Auf der Wiese gab es natürlich keinen Stall - ja nichtmal einen Unterstand damit die beiden zumindest in trockenem Stroh hätten schlafen können. Je kälter es wurde desto mehr, lauter und jämmerlicher brüllten die beiden Tag und Nacht. Man muss nicht unbedingt ein grosser Tierfreund sein um bei diesem Brüllen nicht Mitleid mit den beiden zu empfinden. Der Schlachthof wäre eine Gnade für diese Kreaturen gewesen. Schließlich wurde das Wetter etwas besser. "Heidi" und "Bully" hatten den harten Winter unter größten Qualen überstanden. Nun entschieden die beiden "Tierfreundinnen" das es zuviel Arbeit ist, zwei Kühe zu retten. Sie sollten nun doch zum Schlachthof. Jetzt? Nachdem diese Tiere sich unter größten Qualen über den Winter gebracht hatten. Nein, das wollte ich nicht akzeptieren. Ich empfand das als große Ungerechtigkeit diesen Geschöpfen gegenüber.
Wie praktisch das zu dieser Zeit mein 40. Geburtstag anstand. "Was wünscht du dir denn?" wurde ich unzählige Male gefragt. Nun was soll man darauf antworten wenn man kein Kind mehr ist dessen Wünsche tatsächlich erfüllbar sind. Ich ging in mich und überlegte angestrengt. Als ich morgens bei einer Tasse Kaffee wieder die Kühe sah und dabei erneut die lästige Frage nach Wünschen für meinen Geburtstag aufkam machte ich eine unbedachte Äußerung: "Rette doch die Kühe wenn du mir eine Freude machen möchtest." sagte ich zu meiner Frau. Es kam wie es kommen musste. Obwohl ich es eigentlich nicht wahrhaben wollte. Mein Wunsch wurde erhört.
In einem Briefumschlag wurden mir feierlich die "Rinderpässe" für "Heidi" und "Bully" übergeben. Nun war ich also 40 Jahre alt geworden und stolzer Besitzer von zwei Rindern. Durch meinen Kopf schossen plötzlich - nach einem ersten Schmunzeln - schreckliche Dinge. Mir wurde bewusst was das eigentlich bedeutete. Die beiden brauchen Platz, einen Stall, ein Auslaufgehege und so weiter und so fort. Als ob dies nicht schon Probleme genug wären hatte ich nicht mit der deutschen Bürokratie gerechnet. Es gibt auf der Welt ca. 1,2 Milliarden Rindviecher. Zusammen genommen bringen Sie mehr Gewicht auf die Wage als alle Menschen dieser Welt. Fast auf jedem Feld stehen einige Artgenossen und warten darauf auf den "Big Mac" zu kommen oder zu einem leckeren Entrecote verarbeitet zu werden. Es sollte also kein Problem sein eine Kuh zu halten auf dieser Welt.
Das stimmt sicherlich - solange man Sie auch wirklich essen möchte. Eine Kuh zu retten oder einfach als Haustier zu halten ist in deutschen Gesetzen nicht vorgesehen. Eine Kuh ist nach dem Gesetzestext ein Lebensmittel. So wie eine Tomate, ein Apfel oder ein Brot. Nicht mehr und nicht weniger. Nachdem ich nun Besitzer der Rinder geworden war entschloss ich mich diese auf dem Trödelmarkt in Nauen unterzubringen. Unzählige Besucher kommen mit Ihren Kindern auf den Markt von denen viele noch nie eine ganze Kuh aus der Nähe gesehen haben. Eine gute Sache also um Kinder darüber aufzuklären, dass eine Kuh mehr ist als das saftige Rindfleisch auf dem "Big Mac". Nun lief sie an, die deutsche Bürokratie. Ich recherchierte ob man einfach so eine Kuh halten darf oder ob man diese anmelden muss wie z.B. einen Hund. Natürlich muss man! Ist ja auch nichts dagegen einzuwenden. Alles soll ja seine Ordnung haben. Wie es sich für einen ordentlichen Bürger gehört informierte ich also das Veterinäramt über mein Geburtstagsgeschenk und meine Absicht "Bully" und "Heidi" auf dem Trödelmarkt das Gnadenbrot zu geben.
"Sie benötigen eine Betriebsnummer. Die bekommen Sie von uns. Damit melden Sie die Rinder dann bei der HIT an" erklärte mir die nette Dame vom Veterinäramt am Telefon. "Zunächst benötige ich aber eine schriftliche, formlose Anzeige über Ihr Vorhaben" führte die nette Dame weiter aus. Gesagt - getan. Auf mein formloses Schreiben folgte nach einigen Tagen ein förmliches "Bitte setzen Sie sich mit dem Bauamt des Landkreises in Verbindung und erörtern Sie mit diesem Ihr Vorhaben - erst nach einer Stellungnahme des Bauamtes können wir Ihnen Ihre Betriebsnummer zuteilen" wurde mir mitgeteilt. Gut. Das Bauamt also. Dem netten Herrn vom Bauamt erläuterte ich mein Vorhaben. "Ich möchte für meine Kühe einen Unterstand errichten, so ca. 4 x 3m, einen Carport aus dem Baumarkt" erklärte ich dem netten Mitarbeiter dort. "Nun, das ist so einfach nicht möglich" erwiderte dieser. "Würden Sie Ihr Auto unter den Carport stellen bräuchten wir nichts machen. Aber eine Kuh! Damit ist es ein Stall. Für einen Stall brauchen Sie eine Baugenehmigung!" erklärte er mir.
"Nun gut" schoss es durch meinen Kopf. "Ich will ja kein Einfamilienhaus errichten. Was kann das schon für ein Problem sein" dachte ich. "Stellen Sie bitte zunächst eine Bauvoranfrage. Reichen Sie bitte damit einen Grundbuchauszug sowie einen amtlichen Lageplan ein auf dem das Bauvorhaben eingezeichnet ist - Falls dann Ihre Bauvoranfrage positiv entschieden ist können Sie einen richtigen Bauantrag stellen. Andere Behörden müssen beteiligt werden, Stadtverwaltung, Landesumweltamt, Veterinäramt usw." führte der Verwaltungsmann weiter aus. "Gut, alles muss ja seine Ordnung haben" dachte ich. Aber so ein Aufwand für einen Bretterverschlag aus dem Baumarkt? Ich machte mich also an die Arbeit. Besuchte das Grundbuchamt um einen Grundbuchauszug und einen amtlichen Lageplan zu beschaffen. Darin zeichnete ich "bitte maßstabsgerecht" den Baumarkt-Carport ein.
Letztlich brachte ich alles fein säuberlich in dreifacher Ausfeitigung zusammen mit dem amtlichen Vordruck der Bauvoranfrage zum Bauamt. "Prima" sagte der Mitarbeiter dort. "Ich leite dies jetzt alles an die zuständigen Behörden weiter und warte auf deren Stellungnahme." Auf meine Frage wie lange das denn dauern wird entgegnete mir der nette Bearbeiter: "Nun, etwa drei Monate müssen Sie schon rechen. Es sind ja viele Stellen beteiligt!". Drei Monate? Und es handelt sich nur um die Voranfrage. Wenn diese dann möglicherweise positiv beschieden wird kann ich damit dann den eigentlichen Bauantrag stellen.
Wenn die Voranfrage schon drei Monate dauert wieviel Zeit wird dami erst die eigentliche Genehmigung in Anspruch nehmen. Nochmal drei Monate? Und erst dann erhalte ich ja die Betriebsnummer. Und auch den Bretterverschlag kann ich ja erst nach Vorliegen der Genehmigung errichten. - Wenn es denn überhaupt genehmigt wird. - "Ob Heidi das noch erlebt?" schiesst es mir durch den Kopf. "Sie ist doch schon eine so alte Kuh" Ich frage mich weiterhin welchen Status Heidi denn jetzt hat? Ohne Betriebsnummer kann ich sie ja nicht amnelden. Ist sie damit illegal? Ob ich für Heidi solange einen Asylantrag stellen sollte...?
Unweigerlich erinnere ich mich an die dramatische Zeit 2008 als die Bundesregierung Gelder in Höhe von 35.000.000.000,00 € für die Rettung der Hypo Real Estate Bank in nur einer Nacht bewilligte! Vermutlich formlos, ohne Formulare und Voranfragen. Und bei mir? Hier geht es nicht einfach um schnödes Geld oder eine Bank! Es geht um Leben und Tod! Heidis Gesundheit steht auf dem Spiel, wenn Sie nicht bald einen Unterstand bekommt!
Wieviele Menschen in deutschen Behörden werden jetzt wohl an der Genehmigung von Heidis Stall arbeiten müssen. Wieviel Zeit wird dafür wohl aufgewendet werden? Und was wird das letztlich alles den deutschen Steuerzahler kosten? Wieviele ähnliche Vorgänge wegen unbedeutender Nichtgkeiten wie z.B. einer Bretterbude für Heidi werden derzeit wohl in deutschen Amtsstuben bearbeitet? Ist das wirklich notwendig? Wird ohne eine Genehmigung für eine Bretterbude die deutsche Ordnung und Sicherheit gefährdet? Meiner Meinung nach muss der Gesetzgeber dringend handeln! Deutschland muss entbürokratisiert werden um in der globalen Welt bestehen zu können. Nun lieber Leser - ich werde Sie an dieser Stelle über den Fortgang des Bauprojektes und Heidis Gesundheit informieren. Was mag wohl erst passieren wenn ich mir zum 50. Geburtstag einen Elefanten wünsche?
Autor: G.Koch
Quelle:
Mit freundlicher Erlaubnis der Zeitung Der Marktschreier vom 27.03.2010

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